Düstere Absinth-Buden, verschneites Kopfsteinpflaster, ungeheizte Künstlerkammern - die Rosenhügelstudios haben im letzten
Februar das Flair der Pariser Bohème angelegt, um der tragischen Romanze zwischen der todkranken Näherin Mimi und dem brotlosen
Dichter Rudolphe in LA BOHÈME stilvolle Kulisse zu liefern. Anna Netrebko und Rolando Villazón traten erstmals vor die Filmkamera,
um unter der Regie von Robert Dornhelm Puccinis Oper auf die große Leinwand zu bannen. Ein Gespräch mit Robert Dornhelm.
Am Tag nach den Oscars liegt zunächst die Frage nahe, ob sich dadurch eine neue Chance für den österreichischen Film auftut?
ROBERT DORNHELM: Natürlich betrachte ich das als Impuls für die Filmwirtschaft hier. Man erinnere sich an Irland, das durch einen Oscar für
Mein linker Fuß zur europäischen Filmmetropole wurde. Als jemand, der in dieser Wirtschaft tätig ist, hoffe ich sehr, dass man bei den Politikern,
die uns schwer vernachlässigt haben, Bewusstsein wecken kann. Wenn man überlegt, was die anderen Staatskunstbetriebe an Subventionen
kriegen, sind wir die nicht ernst zu nehmenden Vagabunden, die man weder ganz vernachlässigen noch ernsthaft unterstützen
kann. Film ist die wichtigste Kunstform unserer Zeit, um die Leute zu berühren und zu verändern. Ich habe unlängst Rudolf
Scholten in einem Gespräch gesagt, wenn das Filmbudget um 40 oder 50% erhöht werden soll, dann ist es besser, es gleich sein
zu lassen. Besser die Filmschaffenden wandern ab, man gibt ihnen das bisschen Geld für Aufenthalte in Ländern, wo es eine
Filmindustrie gibt und kauft hier die Filme billig aus dem Ausland ein. Wenn, dann muss man verzehnfachen. Er hat mich natürlich
als Träumer bezeichnet. Ich sage, einer dieser Abfangjäger, die keiner braucht, weniger und talentierte Leute könnten hier
viele Jahre lang Filme machen und die österreichische Welt verbessern (lacht).
Ihnen ist es ja gelungen, sowohl in der amerikanischen wie in der europäischen Filmindustrie Fuß zu fassen?
ROBERT DORNHELM: Ich habe beide Wege hinter mir, ich bin mit einer Oscar-Nominierung in Amerika geblieben, bin dann wieder gekommen, ich sehe
es nie als Kommen und Gehen. Ich bin, wo ich arbeite, und dort, wo ich arbeite, dort bin ich. Ich habe in den letzten Jahren
sehr viel außerhalb der USA, jedoch für amerikanische Projekte gearbeitet. In Kanada für Spielberg, Into the West, dann Zehn Gebote in Marokko, dann war in Europa Rudolph, parallel dazu die Vorbereitung zu Krieg und Frieden und jetzt La Bohème. In den letzten acht Jahren habe ich durchgehend
gearbeitet.
War es schon lange ein Wunsch, eine Oper fürs Kino zu adaptieren?
ROBERT DORNHELM: Ich habe lange damit geliebäugelt, eine Oper zu machen, hab es aber immer wieder mit der Angst zu tun bekommen, weil mir das
Medium unheimlich ist, es ist so absolut und so präzis. Ich bin verspielt und möchte bis zum Schluss meine Meinung, was die
Erzählweise betrifft, revidieren können. Im Zeitalter des digitalen Filmerzählens kann ich diese Produktion, die, wie ich
es hier schon in der Zeitung lesen konnte, an die Josefstadt der fünfziger Jahre erinnert, heute so verändern, dass Moulin Rouge daraus wird. Die Angst vor der Oper habe ich durch meine Protagonisten überwunden. Nachdem ich Rolando Villazón und Anna
Netrebko kennen gelernt hatte, hab ich mir gesagt, ich lasse mich von der Leidenschaft der beiden, von ihrer Liebe zueinander
und zu ihrer Kunst inspirieren. Wenn ich auch als Filmemacher und als Umsetzer einer Oper voll versage, so werde ich nicht
in der Beobachtung der Leidenschaft dieser beiden zueinander scheitern.
Wie sind Sie an die visuelle Auflösung herangegangen?
ROBERT DORNHELM: Ich habe die längste Zeit mit mir gerauft, wie man das am besten umsetzt. Ich konnte zum Entsetzen vieler keinen Weg finden,
den Stoff ins Heute zu rücken und sah auch keine Veranlassung dazu. Ich habe versucht, die Geschichte einer tödlichen Liebe
in Gesang als Filmgeschichte zu erzählen. Film ist nun mal naturalistischer als Oper und ich will kein manierierter Filmemacher
sein. Zunächst bin ich zurück zu Henri Murger, der die Romanvorlage zum Libretto geliefert hat, die im Paris der 1840-er
Jahre spielt, diese Originalfassung des Bohème-Stoffes war nicht sehr inspirierend. Interessanter war da Puccinis Biografie, dieses Bohemien-Dasein der Jahrhundertwende,
wo das Bekennen zum Künstlertum so wichtig war, um sich von der Bourgeoisie zu unterscheiden. Jeder junge Mensch muss sich
vom Establishment absondern und selbst definieren, ansonsten hat die Geschichte mit den Problemen unserer Zeit sehr wenig
zu tun. Man hat mir vorgeschlagen, dass Mimi an Aids sterben soll - ich finde, wenn ich zu ändern beginne, dann ist es nicht
mehr stimmig. Da brauche ich keine Sängerin, die genial ist, und keine eigenartige Sprache und wozu singen die Darsteller
dann überhaupt? Ich konnte mich mit der Idee nicht anfreunden, den Stoff in die heutige Zeit zu transponieren. Natürlich will
ich etwas Frisches machen, neu ist die Art des Erzählens, es ist eine moderne Darstellung in einer Kulisse mit Filmlicht.
Man hatte uns auch vorgeschlagen, in Paris an Originalschauplätzen zu drehen, ich sehe aber keinen Sinn darin, eine Oper im
Sonnenlicht zu drehen. Eine Oper braucht die Künstlichkeit, sonst ist sie keine Oper.
Wie wird technisch mit dem Gesang am Set umgegangen?
ROBERT DORNHELM: Das ist das Schwierigste, sie singen alle voll mit, trotzdem ist achtzig Prozent Playback, weil es technisch nicht machbar
wäre, da würde man ein halbes Jahr brauchen. Bei Villazón ist es uns gelungen, ziemlich viel Original-Gesang aufzunehmen,
das ist natürlich umwerfend.
Wie sieht jetzt nach Drehschluss der Zeitplan aus?
ROBERT DORNHELM: Meine große Hoffnung ist, den Film in Cannes zu präsentieren. Wenn wir Netrebko und Villazón dorthin bringen, könnte ich mir
vorstellen, das es funktioniert. Und wir würden den Film im Sommer während der Theaterpause gerne an Opernhäusern in allen
großen Hauptstädten vorführen. Ich habe ein gutes Gefühl. Ich glaube, es gibt viel an Emotion und Originalität, es ist letzten
Endes ein Opernfilm und das wussten wir von Anfang an. Auf alle Fälle ein Opernfilm mit Überraschungen.
Interview: Karin Schiefer
März 2008